FACK JU GÖHTE – SE MJUSICÄL im Werk 7, München

Voll krass, ey: Die 200. Show mit Zeki Müller, Frau Schnabelstedt und der renitenten 10B

Ich gebe es zu – ich war skeptisch: Schon wieder ein Filmerfolg, der im Nachgang zu einem Musical verwurstet werden muss? Doch das, was da die Macher von Stage Entertainment im ehemaligen Pfanni-Kartoffellager im Münchner Werksviertel im Werk 7 auf die Beine gestellt haben und was am 21. Januar 2018 eine völlig zu Recht von Publikum und Kritik bejubelte Premiere feierte, ist wirklich rundum als gelungen zu werten. Mit einer völlig neu- und andersartigen Herangehensweise haben die Kreativen tolle Arbeit geleistet: Kein großes Bühnenspektakel, keine wie sonst üblich durchgestylte und mit allen technischen Rafinessen bestückte Theaterlocation, insgesamt kein Musical im herkömmlichen Stage-Sinne.

Und doch, es funktioniert. Unterm Strich toppt es sogar noch den Film – als Zuschauer ist man mittendrin in einem überbordenden Bühnen-Liveerlebnis, mit einer vor Spielfreude übersprudelnden Cast, erstaunlich einfacher aber deshalb umso wirkungsvolleren Ausstattung und nicht zuletzt einer die Handlung aufs Effektivste transportierenden und mitreißenden Musik.

Die Story darf als bekannt vorausgesetzt werden: Der Kleinkriminelle Zeki Müller kommt nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe auf freien Fuß und will schnurstracks die von seiner Freundin auf einem Grundstück verbuddelte Beute bergen, um sich ein gutes Leben zu ermöglichen. Blöd nur, dass die Freundin die Kohle ausgerechnet auf einem Baugrundstück vergraben hat, auf dem in der Zwischenzeit eine zur Goethe-Gesamtschule gehörende Turnhalle errichtet wurde. Um an die Kohle zu gelangen, heuert Zeki als Aushilfslehrer bei der Klebstoff-schnüffelnden Schulrektorin an, bekommt die verrufene Klasse 10b zugeteilt, hat mit der verklemmt-überkorrekten Referendarin Lisi Schnabelstedt zu tun und mischt bar jeglicher pädagogischer Fähigkeiten, aber wohl gerade deshalb letztlich erfolgreich, Problemklasse und Schule auf. Hier holt witzigerweise die Realität aktuell die Film- und Musicalstory ein: In Ermangelung ausgebildeter Pädagogen stellt das Bundesland Berlin nämlich gerade Quereinsteiger nach Absolvierung eines 14-tägigen Crashkurses als Lehrer ein…

Doch zurück zum Mjusicäl: Schon beim Eintreffen in der Graffiti-”verschönten” Betonlocation mitten im alternativen Werksviertel spielt einem das Unterbewusstsein dahingehend einen Streich, dass man meint, wieder den beklemmend typischen Schulgeruch aus abgestandener Luft, Junkfoodresten, altem Gummi von versifften Turnmatten und so einigem mehr in der Nase zu haben. Unterstützt wird dieser Eindruck durch regelmäßige zackige Lautsprecherdurchsagen der taffen Rektorin.

700 Plätze fasst der Zuschauerraum, angeordnet im Halbrund direkt an der Bühne, bestückt mit unbequemen Plastikstühlen, die erstens in Ermangelung einer Klimaanlage bei gefühlten 35 Grad Außentemperatur an diesem Tag unangenehm kleben sowie zweitens nach einiger Zeit unweigerlich zu Zwicken in der Lendenwirbelsäule führen. Gehört aber alles zum Gesamtkonzept und ist daher auch mal zu ertragen, ebenso wie die außerhalb der Halle in einem Container untergebrachten Toiletten.

Die Bühne zeigt eine Turnhalle mit Basketballkorb, diversen Türen, und einer Galerie. Auf eben dieser befindet sich die fünfköpfige hervorragend fetzig aufspielende Band. Durch die bereits erwähnten Türen werden in Windeseile die jeweils erforderlichen Requisiten durch die Cast herein- und herausgefahren und so verwandelt sich rasch der Raum von der Turnhalle zu Lisis Wohnung, zum Klassenzimmer, zum Büro der Rektorin, zum Tabledance Etablissement usw. Grandios kreativ gelöst ist die Szene im Schwimmbad “Kaltes Wasser” mit blauen Matten und effektvoller blauer Ausleuchtung und darin herumtollendem Ensemble.

Soundaussteuerung und Lichtdesign geben keinerlei Anlass zum Meckern. Besondere Erwähnung gebührt der exzellenten Choreographie in ihrer höchst gelungenen Mischung aus Hip-hop, Streetdance und Freestyle-Elementen. Das ist alles energetisch inspirierend umgesetzt und verursacht beim Zuschauen definitiv ein Mitmach-Kribbeln in den unteren Extremitäten.

Die in hohem Tempo ablaufende Inszenierung klappt wie am Schnürchen, es kommt kein Moment Langatmigkeit auf, im Gegenteil, man hat gut zu tun, dem rasanten Verlauf zu folgen. Doch bleiben bei aller Schnelligkeit auch die nachdenklich stimmenden ruhigeren Teile nicht auf der Strecke und es kommt tatsächlich zu berührenden Augenblicken, insbesondere gegen Ende hin, wenn die vermeintlichen Dumpfbacken-Kids erkennen, dass sie Zeki Müller als besten Lehrer ever auf keinen Fall verlieren möchten und Schulleitung und ihn inständig bitten, zu bleiben.

Nun zum wichtigsten Pfund, mit dem diese Show wuchern kann: Das Ensemble alias die Problemklasse 10b. Rotzig, zutiefst respekt- und planlos, mit derben Sprüchen und selbstredend null-Bock-Affinität zum kompletten Thema Schule versehen fackeln die Darsteller ein aberwitziges Feuerwerk ab. Gehen einem die nervigen Anarcho-Schüler im ersten Akt mit ihrem Dumpfbacken-Gehabe noch ziemlich auf den Senkel, so wandelt sich dieses Empfinden unerwarteterweise im Verlauf des zweiten Akts. Die vielfältig desolaten sozialen Hintergründe, die fehlenden Perspektiven und Strukturen seitens Familie und Bildungssystem treten deutlich zu Tage und dieserhalb verschafft sich Verständnis für die Schüler-Charaktere über das Hintertürchen Eingang. Nicht nur dem Zuschauer ergeht es so, auch bei Zeki Müller hinterlässt dies Spuren. Und so tut er ohne pädagogisch erhobenen Zeigefinger mit dem ihm eigenen direkten und schnörkellosen Ansatz instinktiv das Richtige: In der “Unser Leben ist toll” Szene führt er der Bande eindrücklich vor Augen, wie ihr Dasein ohne Schulabschluss und Ausbildung aussehen würde als Drogenabhängige, als prollige Hartz IV-Empfänger (das hierzu vorgeführte abgewrackte mittelalterliche Ehepaar scheint direkt einem der zahlreichen nachmittäglichen Fremdschäm-Trashformate entsprechender TV-Sender entsprungen zu sein) sowie als berufsloser Jungmutter, die sich von ihrem angehimmelten Proleten-Kerl einen Stall voller Kinder aufhalsen lässt und mit der Verantwortung für diese dann alleingelassen wird.

Der renommierte Schauspieler Max Hemmersdorfer schafft es in der Rolle des coolen Zeki Müller durch seine lässige Bühnenpräsenz, dass man zu keinem Zeitpunkt Vergleiche mit Elyas M’Barek anstellt, der bekanntermaßen mit den Fack ju Filmen großen Starruhm erlangte. Hemmersdorfer betritt hier erstmals für ihn berufliches Neuland im Musicalbereich, nahm Gesangsunterricht und liefert einfach eine tolle Gesamtleistung ab. Gleich zu Anfang, bei Zekis Entlassung aus der Haft, überzeugt er mit seinem Solo “Frische Luft” und man käme niemals auf die Idee, dass man er hier nicht mit einem ausgebildeten Musicaldarsteller zu tun hat. Chapeau!

Die verklemmte Referendarin Lisi Schnabelstedt wird grandios von Johanna Spantzel mit großem Körpereinsatz, toller Stimme und köstlichem Spiel dargestellt. Ihre Wandlung vom Mauerblümchen zur aufblühenden, sogar mutig an einer Graffiti-Aktion teilnehmenden und sich letztlich in Zeki verknallenden Pädagogin ist hinreissend.

Punktgenau nagelt Elisabeth Ebner den Charakter der resoluten Schulrektorin Gerster “Asapissimo” auf die Bühne, ein schauspielerisches Kabinettstückchen.

Und natürlich die Klasse 10b selbst, wie bereits obig ausgeführt. Alle rundum Klasse, im wahrsten Sinne des Wortes!

Fazit: Hingehen und Eintauchen in den Anarcho-Schul-Kosmos lohnt sich! Dann aber rasch auf die Socken machen, denn das Stück läuft in München nur noch bis zum 9. September. Eine Tourneeversion ist im Gespräch, eine Bereicherung im Musicalbetrieb ist diese Produktion allemal.

Weitere Infos, Spielzeiten und Tickets unter

https://www.stage-entertainment.de/musicals-shows/fack-ju-goehte-muenchen.html

Nachtrag 22. August: Wie heute bekannt wurde, ist das Mjusicäl von der Jury der Deutschen Musical Akademie aus allen Bewerberproduktionen der Spielzeit 2017/2018 für den Deutschen Musical Theater Preis 2018 in sieben Kategorien nominiert worden. Die Preisverleihung findet am 1. Oktober in Hamburg statt. Gratulation!