DIE FABELHAFTE WELT DER AMÉLIE – München

Europapremiere im Werk 7, München, 14.02.2019

Plakat (Andere)

Der gleichnamige Kinofilm aus dem Jahr 2001 wurde weltweit ein respektabler Erfolg, was hauptsächlich an der bezaubernden Hauptdarstellerin mit den großen, sprechenden Augen lag.

Diesen Stoff nun in ein Musical zu adaptieren, birgt gewisse Risiken. Die Broadwayfassung von 2017 jedenfalls floppte grandios und versenkte angeblich ca. 12 Millionen Dollar. Nun, man darf sicher nicht den amerikanischen Musical-Geschmack mit dem des deutschen Publikums vergleichen, jedoch lässt sich das Stück nach dem Besuch der Europapremiere im Münchner Werksviertel auf einen einfachen Nenner herunterbrechen:

Kennt und vor allem mochte man den Film und ist überdies ausgeprägt frankophil disponiert, dann wird man einen wirklich netten unterhaltsamen Abend mit „Amélie“ als deutschsprachige Musicalproduktion verbringen und Zugang zur Story finden.
Treffen die beiden genannten Voraussetzungen jedoch nicht auf einen zu, dann wird es eng…

Die Geschichte der schüchternen, introvertierten, durch eine seltsame Kindheit geprägten jungen Frau Amélie, deren einziger Freund in Kindertagen ihr Goldfisch namens „Pottwal“ war, ist skurril und versponnen.

Copyright: Stage Entertainment, Franziska Hain

Gefangen in ihrer eigenen Phantasie- und Gedankenwelt verbringt die sensible Protagonistin ihren Tag als Bedienung im „Café des deux Moulins“ am Montmartre, ein Privatleben im herkömmlichen Sinne kennt sie nicht. Da entdeckt sie in ihrer Wohnung eines Tages durch Zufall unter einer Bodenfliese verborgen ein Kästchen mit Kindernippes. Sie setzt sich fortan zum Lebensziel, erstens den ursprünglichen Besitzer des Kästchens, der mittlerweile längst in mittleren Jahren sein muss, ausfindig zu machen und ihm seinen Schatz aus Kindertagen zurückzubringen. Und zweitens, falls dieser Jemand sich darüber freut – was natürlich eintrifft – künftig allen Menschen um sie herum, also den Kollegen und Besuchern des Cafés sowie ihren Nachbarn, Gutes zu tun. Sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse ignoriert sie weiterhin.

Bis ihr der junge Nino über den Weg läuft, offenbar ein Seelenverwandter, genau wie sie sehr schüchtern und in sich gekehrt. Als Amélie sich nach eindringlichem Insistieren ihres Nachbarn, des mit der Glasknochenkrankheit geschlagenen Malers Dufayel, eingesteht, dass ihr der junge Mann nicht gleichgültig ist und sie nunmehr nicht weiterhin ihr Leben träumen, sondern ihren Traum leben will, ersinnt sie eine eigenwillige Schnitzeljagd für Nino, damit er seinen Weg zu ihr findet.

Akt 1 zieht sich und hat Längen, der vielfältig an die diversen Charaktere gekoppelte Handlungsfaden kommt nur schwer in Gang. Im zweiten Akt dann nimmt das Stück deutlich an Fahrt auf, was vom Publikum dankbar goutiert und teilweise sogar mit Szenenapplaus bedacht wird.

Das nur 700 Plätze fassende Werk7, eine etwas andere Theaterlocation, passt eigentlich ganz gut für diese Art von Musical. Leider sind noch immer die schon von der Vorproduktion „Fack ju Göhte“ schmerzhaft in Erinnerung gebliebenen schrecklichen Plastikschalensitze (die Lendenwirbelsäule rebelliert ausufernd) und die außerhalb der Location in Containern befindlichen sanitären Anlagen vorhanden. Letzteres führte am Premierenabend in der Pause bei nächtlichen Minusgraden zu heftigem Bibbern der teils in hauchdünne Fähnchen gewandeten Promi-Damen.

Zurück zum Stück: Das Bühnenbild stellt mit großem Tresen, Bistrotischchen- und stühlchen passend das Pariser Café dar und vermittelt Montmartre-Flair. Die fünfköpfige Band ist auf der Empore platziert, die Besucher sind nah dran am Geschehen, es gibt sogar ca. 20 Sitzplätze am Rand der Bühne integriert im Café.

Copyright: Musical Reviews

Das bei der Vorgängerproduktion “Fack ju Göhte” bewährte Kreativteam ist auch bei Amélie am Start – man erkennt sofort in den vielen witzigen Details die Handschrift von Regie und Set Design. Wie beispielsweise bei der Elton John Persiflage (als es um den Tod von Princess Diana geht).

Copyright: Stage Entertainment, Franziska Hain

Anders als in den meisten Musicalproduktionen heutzutage gibt es keine Projektionen, dafür wird kreativ und mit einfachsten aber sehr wirkungsvollen Requisiten die Handlung unterstützt und vorangebracht. Zu diesem Konzept gehört auch, dass zwei Marionetten/Puppen, die Alter Egos der Kinder Amélie und Nino darstellend, in den Szenen auftauchen.

Copyright: Stage Entertainment, Franziska Hain

Dies ist alles im Großen und Ganzen gut gelöst. Weitaus weniger passend stellen sich die überflüssig plakativen Szenen im Sex Shop mit lautstark stöhnenden Toneinspielungen, Sado-Maso Schattenspielen, Hand an sich legenden Herren und auf dem Tresen befindlichen Sex Toys dar.
Sehr bemüht ist die Regie darauf bedacht, die Zuschauer interaktiv ins Geschehen einzubinden mit beispielsweise dem Ausrollen und Hochheben eines sehr langen Banners sowie mit neben jedem Sitzplatz platzierten Plakaten, die bei Ninos Suche nach Amélie vom Publikum hochgehalten werden sollen – Letzteres hat bei der Premiere überhaupt nicht geklappt.

Die Partitur plätschert überwiegend im typischen Pariser Musette dahin, mit reichlich Akkordeon, Cello und anderen Streichinstrumenten im Fokus. Jedoch fehlt es an Wiedererkennungswert, es bleibt nichts nachhaltig im Gehörgang hängen. Amélies Solo „Lebe Deinen Traum“ ist noch ganz nett, ebenso das Duett des dann letztlich zueinander gefundenen Paares „Bleib“.

Das Lichtdesign macht seine Sache gut, die Tontechnik hat noch Luft nach oben, hier mangelte es bei der Premiere noch an der exakten Aussteuerung Band/Gesang und manchmal wurden Mikroports nicht rechtzeitig aufgeschaltet.

Die Darsteller:
Die 22-jährige Sandra Leitner in der Titelrolle interpretiert ihre erste Hauptrolle, verfügt jedoch noch nicht über das Charisma, darstellerisch eine Show zu prägen und zu tragen, aber sie ist auf einem guten Weg. Stimmlich gibt es nichts zu bemäkeln.

Copyright: Musical Reviews

Als Nino passt Andreas Bongard gut in den Part.

Copyright: Musical Reviews

Am nachhaltigsten bleibt von der Solistenriege der vielseitige Rob Pelzer im Gedächtnis, der gleich zwei Charaktere bedient und insbesondere als kranker Maler Monsieur Dufayel restlos überzeugt.

Copyright: Stage Entertainment, Franziska Hain

Copyright: Musical Reviews

Fazit: ganz nett, teilweise auch très charmant. Doch nicht begeisternd genug, um einen vom (unbequemen) Plastikschalensitz zu hauen. Das Premierenpublikum applaudierte höflich.