REBECCA – hautnah!

PR-Event in der Galeria Kaufhof Stuttgart, 24. Mai 2012, Beginn 20:30 Uhr

Die Ankündigung der Aktion hörte sich vielversprechend an. Die beiden Stars der aktuellen REBECCA Produktion des Palladium Stage Theaters, Pia Douwes und Jan Ammann, würden bei einem Stehempfang in einer Mischung aus Lesung und Gesang „REBECCA hautnah“ vermitteln.

Schätzungsweise 250 – 300 neugierige Musicalfans fanden sich in besagtem Kaufhaus ein. Es zeigte sich, dass es höchst sinnvoll war, frühzeitig aufzukreuzen – so konnte man sich einerseits einen Stehplatz mit guter Sicht auf die Bühne sichern und andererseits dem interessanten und auch amüsanten Soundcheck beiwohnen.

Anwesend neben den bereits genannten beiden Hauptakteuren noch der Musikalische Leiter des Palladium, Klaus Wilhelm, sowie der bei derartigen Anlässen von der Stage Entertainment immer wieder gern gebuchte Moderator Clou.

Die „ICH“, immerhin die Hauptprotagonistin des Musicals, war nicht vorhanden – ein Rätsel, das aber bald höchst pointiert entschlüsselt wurde. Schlüpfte doch tatsächlich Moderator Clou in eben diese Rolle während der Lesung.

Doch der Reihe nach:

On Stage Klaus Wilhelm samt Klavier, einige Atmosphäre erzeugende Kandelaber, sowie drei Stühle mit Standmikros und Notenständern davor. Aha – hier wird also gelesen!

Sogleich platzieren sich die beiden Profis, noch in Freizeitkleidung, im Verbund mit Moderator Clou ebendort zum Soundcheck. Es wird schnell klar, dass nicht aus dem Musical-Libretto, sondern aus dem Originalroman von Daphne du Maurier gelesen wird – könnte interessant werden, wie sich dies mit den Liedern aus dem Musical verknüpfen lässt.

Immer wieder unterbrochen werden die Leseproben von kurzen Gesangsproben, was Vorfreude aufkommen lässt, denn es werden doch einige Titel dargeboten werden.

Überaus diszipliniert bereitet sich Grande Dame Pia Douwes auf ihren Lesepart vor, während ihre beiden links und rechts von ihr platzierten Herren doch noch den ein oder anderen Joke während der Probe einfließen lassen, so z. B., als Maxim de Winter im Dialog mit ICH-Clou plötzlich deren Textantworten auf schwäbisch präsentiert bekommt „haben Sie denn keine Verwandten?“ – „noi, die sen alle scho dod“.

Kurz zurück zu Pia Douwes: Es beeindruckt immer wieder, wie diese Künstlerin sich so überaus diszipliniert und unglaublich professionell vorbereitet, jedoch gleichzeitig mühelos das Kunststück bewältigt, all dies mit lockerer Grandezza und Spontanität zu präsentieren. Diese Mischung findet man nur bei den ganz Großen im Showgeschäft.

Die Darsteller ziehen sich zurück, um in ihre Originalkostüme zu schlüpfen. Derweil entert der Kaufhof-Filialleiter die Bühne, um dort seine nicht unerheblichen Entertainer-Qualitäten unter Beweis zu stellen, als „Warm-Upper“ bewährt er sich bestens, wartet immer wieder auf ein Signal (doch es kommt nicht…), preist inzwischen die von seinen fleißigen Mitarbeitern vorbereitete Verköstigung an in Form von Sekt, Häppchen und Käse-Igeln. Doch – wen wundert’s – so gut wie keiner der Anwesenden lässt sich hierzu verführen, würde dies doch die Räumung des mühsam erkämpften Stehplatzes bedeuten.

Endlich kommt das Signal, und die Protagonisten erscheinen im Kostüm. Es folgt ein launiges Interview, das Clou mit den beiden Stars führt. Anekdoten des Darsteller-Lebens auf und hinter der Bühne werden zum Besten gegeben, Darsteller und Moderator im charmanten sprachlichen Ping-Pong zum Amüsement der Gäste. Kurz wird auf das zuvor im breiten Schwabendialekt dargebotene Textteilchen beim Soundcheck eingegangen und Moderator Clou fragt den – wie allgemein bekannt – in Dialektangelegenheiten sehr talentierten Jan Ammann, ob dies nicht ein Dernierengag werden könne. Woraufhin Jan Ammann gleich mal den zugeschubsten virtuellen Ball aufnimmt und seine Bayrischkenntnisse aus der Studienzeit in München rauskramt, „Huif mir durch’d Nacht“.

Lachsalven erntet auch Pia Douwes, als sie die ICH des heutigen Abends vorstellt und mit kreisenden Handbewegungen an der (nicht vorhandenen) Oberweite von Clou herumschraubt, äußerst skeptisch mit hochgezogenen Augenbrauen beäugt von Maxim-Jan Ammann, der sich offensichtlich so seine Gedanken über diese doch eher merkwürdige neue junge Ehefrau an seiner Seite macht… doch alles halb so wild: Die Kuss-Szenen bleiben an diesem Abend außen vor!

Es geht los mit der Lesung. Sofort sind beide Hauptdarsteller mit ihren Bühnencharakteren unlösbar verbunden, Haltung, Mimik und entsprechende britisch-upperclass-gemäße Gestik zeugen davon, dass beide völlig verschmolzen sind mit ihren Figuren. Erstaunlich, dass wirklich der ganze Romaninhalt in den wichtigsten Passagen vorgetragen wird, so dass die komplette Geschichte perfekt nachvollziehbar ist, und man mit aufgestellten Lauschern solchermaßen tief in die Geschehnisse in Manderley eintauchen kann. Begleitet wird die Lesung von wunderbarem Underscoring durch Klaus Wilhelm, die musikalische Untermalung verquickt sich optimal mit dem Gelesenen.

Hut ab vor Clou, der mit beachtlichem schauspielerischen Talent seine umfangreiche Sprechrolle performt (zwischendurch mit anderer Tonlage gibt er auch noch Edith van Hopper). Pia Douwes mit würdevoller Haltung, unglaublicher Mimik. Jan Ammann mit wunderbar wohlklingender Sprechstimme und überaus textsicher.

Als es während der Lesung an die flüssigen Übergänge zu den Liedern geht, merkt man deutlich, wie viel Vorarbeit in diesem Event steckt. Mit atemberaubender Bühnenpräsenz und den beiden wohl großartigsten Stimmen im deutschsprachigen Musical-Business werden folgende Songs der Show brillant interpretiert:

- Sie ergibt sich nicht: Die unglaubliche Intensität verursacht Kloß im Hals und aufsteigendes Wasser in den Augen

- Gott warum: Ein mit sich verzweifelnd hadernder Maxim. Einfach nur großartig!

- Rebecca: Das Paradestück, seinerzeit von Sylvester Levay exakt auf Pia Douwes’ beeindruckende Stimmlage komponiert.

- Kein Lächeln war je so kalt: Die Verzweiflungsarie des Maxim. Ganz großes Kino! Enorm viele Mitleidende unter den Gästen.

- Rebecca Reprise: Und noch einmal Gänsehaut

- Manderley in Flammen – Bald wird Schutt und Asche sein…: Tja, dieser Schlusston „Rauuuuch“ ist nur noch zum Niederknien.

Was für eine Stimmgewalt! Großartig. Phänomenal. Irgendwie gehen langsam die Superlative aus, um dies gebührend zu würdigen.

Im Anschluss an diese beeindruckende Performance beschließt eine Autogrammstunde mit den beiden geduldigen Stars den noch lange in Erinnerung bleibenden Abend.

Fazit: Eine äußerst gelungene Veranstaltung vom Programm her. Jedoch optimal und komfortabel für die Besucher wäre es gewesen, wenn man für Bestuhlung gesorgt hätte – wie beim Vorjahresevent, der Vampirlesung beim Buchmulti Hugendubel trefflich vorexerziert. So stand man nun bei schwüler Hitze, eng zusammengepfercht, wie die berühmten Sardinen in der Büchse, mit geschwollenen Füßen und nicht unerheblichen Kreuzschmerzen gute zweieinhalb Stunden am gleichen Fleck. Wenn man mich gefragt hätte, wäre mir spontan eingefallen „tausche Käse-Igel gegen Stuhl…“.

Aber was tut man nicht alles für die hehre Kunst … noch dazu mit solchen Darstellern!

Doch trotz alledem war natürlich jedermann(frau) so derart gefangen von dem hochprofessionellen Geschehen auf der Bühne, dass man die Beschwerden dafür in Kauf nahm.

Lob geht an die engagierte Kaufhof-Mannschaft, die sich (abgesehen von der Nicht-Bestuhlung) sehr ins Zeug gelegt hat. Der Eintritts-Obulus von 10 Euro geht an einen caritativen Zweck, auch prima. Und darüber hinaus kommt man mittels dieser Eintrittskarte auch noch in den Genuss einer veritablen Rabattaktion für das Musical.

Verwundert nehme ich zur Kenntnis, dass die beiden Stars über keine Autogrammkarten des Stücks mit ihrem Konterfei verfügen – wird da etwa am falschen Ende gespart? Unermüdlich pinseln Pia Douwes und Jan Ammann ihre Namen auf zum Teil private Autogrammkarten (Pia), auf Veranstaltungs-Flyer und sonst auf alles andere, was ihnen unter die Nase gehalten wird. Echte Profis eben.

Zum Abschluss des Events drängt sich der Gedanke auf, dass der gewünschte PR-Effekt eigentlich nicht erreicht wurde: Denn die Besucher, die begeistert anwesend waren, sind allesamt ohnehin bereits treue REBECCA-Gänger, Mehrfachwiederholungstäter. Um den Kartenverkauf anzukurbeln, muss man neue Käuferschichten auftun, und dies kann nur mittels massiver Print- und TV-Bewerbung, regional und überregional. erfolgen. Immerhin hat man jetzt seit Anfang Mai ein neues Marketing-technisches Pfund, mit dem es sich vortrefflich wuchern lässt: Der insbesondere im Stuttgarter Raum seit TdV sehr beliebte Jan Ammann als neuer (und neben Pia Douwes und dem beeindruckenden Pyro-Spektakel weiterer) Star der Produktion.

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Silvia E. Loske, 25. Mai 2012