HAIR – Staatstheater Darmstadt, 29.11.2014

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The American Tribal Love Rock Musical im Staatstheater Darmstadt

Im Vorfeld dieser Aufführung des „Amercian-Tribal-Love/Rock-Musical“ HAIR stand die Frage im Raum, ob das Stück klassisch oder modern aufgeführt wird.

Eine durchaus berechtigte Frage, denn die im Vordergrund stehenden Themen Rassismus, Diskriminierung, Krieg, Gewalt, sexuelle Unterdrückung und andere soziale Übel spiegeln heute nicht minder aktuell die gesellschaftskritischen Themen wider, wie sie es anno 1968 in New York taten. Trotzdem verkörpert niemand mehr als Hippies, die sogenannten Blumenkinder, den Zeitgeist gerade eben dieser im Umbruch befindlichen Ära.

Daher ging ein erleichtertes Raunen durch die wahren Hair-Musical-Fans, als es hieß, das Stück wäre sehr nahe an der Uraufführung angelehnt und würde nicht aus dem Kontext gerissen werden.

Die Spannung zur Premiere stieg, zumal das Staatstheater Darmstadt mit den 20 sehr jungen Darstellern keinen bisher profilierteren Musicalstar engagiert hatte und ganz auf neue Gesichter setzt.

Abweichend zu vielen Inszenierungen laufen zu Beginn keine Hippies durch die Reihen, wuschelt keinem Zuschauer Anführer Berger durchs Haar. Vielmehr werden die Premierenbesucher Zeugen und Teil der „Todeslotterie“. Mittels Auslosung der Geburtsdaten (Tag und Monat) wird die Reihenfolge der Einberufung festgelegt. Zuschauer mit ausgelostem Geburtsdatum sind aufgefordert, sich auf der Bühne registrieren zu lassen. Diese Prozedur dauert gefühlt ewig und bewirkt, dass das vertraute Gefühl dieser Epoche zu Beginn gänzlich fehlt.

Die Dialoge sind in deutscher, die Songtexte in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln.
Das „Peace and Freedom and Flower and Happiness“ der Blumenkinder springt nicht auf die Zuschauer über und verfremdet die Stimmung des Musicals in einer Art und Weise, dass das Publikum über lange Strecken keine Ahnung hat, wohin das Stück geht.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich „Der Tribe“ als solcher im ersten Akt nicht formiert, die Darsteller schlüpfen in viel zu viele unterschiedliche Rollen, so dass kein roter Faden zu erkennen ist.

Es herrscht Chaos auf der Bühne, jedoch nicht das Hippie-Chaos, sondern das Hin- und Herspringen in diverse Szenen von TV-Shows, in den Tribe, in persönliches Befinden einzelner Tribe-Mitglieder. Es erschließt sich dem Zuschauer nicht, welche Rolle wer einnimmt. Da wirkt es geradezu lächerlich, dass Berger in High Heels und Rock über die Bühne stolpert, während alle anderen Darsteller barfuss sind und deren Kostüme zumindest teilweise Flower Power Mode erahnen lassen.

Die eigentlichen Hauptakteure George Berger und Sheila Franklin spielen keine bedeutenswerten Rollen in Gesang oder Schauspiel, Woof und Hud könnten glänzen, aber der Wechsel gerade dieser beiden Hauptakteure in andere Rollen lässt erneut in den Hintergrund treten, welche Charaktere der Tribemitglieder sie eigentlich sind.

Dass Claude von Beginn an lange Haare hat und aussieht, als wäre er ebenfalls ein Hippie, ist störend und nicht rollenkonform. Denn gerade am Spielcharakter des frisch vom Land hinzugestoßenen Claude Hooper Bukowski sollte sich zeigen, wie seine Entwicklung vonstatten geht.
Er lebt lustvoll, aber ziellos in den Tag hinein. Claude ist hin und her gerissen zwischen den patriotischen Impulsen seiner bürgerlichen Herkunft (in Darmstadt mit zwei Müttern und zwei Vätern!) und den Freiheits-Idealen seiner neuen Freunde.
Mit dem Eintreffen der Einberufung muss er sich entscheiden, ob er wie die anderen den Kriegsdienst verweigern (und damit eine drohende Gefängnisstrafe und gesellschaftliche Ächtung in Kauf nehmen) oder, seine pazifistischen Ideale missachtend, sich der militärischen Autorität unterwirft.

Der verhaltende Applaus des Premierenpublikums zur Pause hin und nicht vorhandener Szenenapplaus während der ersten Hälfte drücken die Verlorenheit des Publikums aus.

Der zweite Akt weist deutlich mehr Höhepunkte auf, nicht zuletzt wegen der Bühnentechnik: Claude hängt in den Seilen, Pyrotechnik lässt Raketen steigen und Feuer aufflammen, der Alptraum von Claude wird zur Realität.

Die Rollencharaktere, die die einzelnen Darsteller nun einnehmen, sind stimmig, das Publikum wird mit auf die 1968er-Reise und die greifbar zu spürende Kriegsbedrohung genommen.

Der letztendliche Tod Claudes und das nicht vorhandene Happy End mit dem Hit-Song Let the Sunshine in mit allen (Tribe-) Darstellern versöhnen mit der Originalstory, sodass der Applaus zum Schluss großzügig ausfällt und vereinzelt Standing Ovations ausgemacht werden können.

Das Staatstheater Darmstadt verfügt über eine riesige Bühne, die technisch alle Möglichkeiten bietet. Zentrales Bühnenbild ist ein unfertiges Haus, welches die Aufbruchswelt der Sechzigerjahre symbolisieren soll. Geschickt und unter Nutzung der Drehbühne kann dieses vielseitig verändert werden und ermöglicht schnelle Szenenwechsel.

Das Ensemble erweist sich als stimmstark. In den Solonummern ist den jungen Künstlern oftmals noch fehlende Erfahrung anzumerken. Emotionen kommen teilweise nicht stark genug rüber. Auch konnte die Technik manchmal noch nicht ganz folgen. Das Orchester des Staatstheaters agiert als flotte Live-Band und ist geschickt im hinteren Teil der Bühne platziert. Weshalb die Musiker jedoch als Kanarienvogel-Cowboys (in knallgelben Anzügen mit Cowboyhüten) vorgeführt werden, bleibt ein Rätsel.

Die Kostümbildnerin legte sich mit ihrem Team mächtig ins Zeug und kreierte insgesamt rund 200 schillernde „Klamotten“. Das oftmalige Wechseln der Rollen eines Darstellers erfordert bis zu 14 Kostüme für eine Person. Nur so ist es möglich. in kürzester Zeit die Rollen z. B. vom Hippe zum Spießer zu wechseln.

Die Song List weist erfreulicherweise Lieder auf, die im leider verfremdeten Hollywood-Film von Milos Forman aus 1979 nicht vorhanden waren, da der Film nicht vergleichbar mit dem Inhalt des Bühnenmusicals ist.

Highlight im ersten Akt sind die drei Einzelsongs der Nebencharaktere Jeannie (Lisa Huk) mit Air, Crissy (Martina Lechner) mit Frank Mills und Dionne (Jane-Lynn Steinbrunn mit Dead End.

Der Ton ist sehr gut ausgesteuert, egal ob gesprochen oder gesungen wird, die Darsteller sind gut verständlich.

Die Lichteffekte werden sparsam eingesetzt, passend für die damalige Zeit. Teilweise gab es leichte Probleme, die sicher bei den kommenden Vorstellungen ausgemerzt sind.

Julian Culemann spielt den Claude im ersten Akt gut, punktet im zweiten Akt mit dem glaubwürdigen Durchleben seines Alptraums über den bevorstehenden Kriegseinsatz, als er seinen Einberufungsbefehl erhält und in den Krieg nach Vietnam ziehen muss.

Leider bleibt das Zusammenspiel der Darsteller etwas hinter den Möglichkeiten zurück, die es geben könnte.

Für Theater-und Opernregisseur Sam Brown ist es die erste Arbeit an einem Musical. Seine Neuinszenierung ist hin und her gerissen zwischen ausgelassenem Jux und bitterem Ernst.

Fazit: Erfolgreiche Umsetzung vieler neuer Ansätze in Verbindung mit einem jungen Ensemble. Der erste Akt weist über lange Strecken Schwächen auf, erst im zweiten Akt entsteht dank des Zusammenwirkens des Tribes so etwas wie das Zeitgefühl der 1968er-Ära.

Tickets und weitere Informationen unter Staatstheater Darmstadt, Theater Kasse Tel 06151-2811600

http://www.staatstheater-darmstadt.de/spielzeit/oper-14-15/6032-hair

Vorstellungen am 10. (mit Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung), 14., 19., 22. und 31. Dezember; 15. und 24. Januar 2015; 01., 05., 15., 21. und 27. Februar 2015

(pk, November 2014)

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Buch und Text Gerome Ragni und James Rado
Deutsche Dialoge bearbeitet von Frank Thannhäuser und Nico Rabenald
Musik Galt MacDermot
Musikalische Leitung Christoph Wohlleben
Regie Sam Brown
Bühne und Kostüme Annemarie Woods
Choreographie Ashley Page
Licht Dieter Göckel
Dance Captain Christopher Basile
Produktionsleitung Dirk Schmeding
Inspizienz Bernd Kaiser
Ton Alfred Benz, Joachim Becker, Deniz Hancer, Johannes Kulsz, Sven Krauss
Darsteller:
Hud Victor Hugo Barreto
Claude Julian Culemann
Woof Manuel Dengler
Jeannie Lisa Huk
Crissy Martina Lechner
Berger Rupert Markthaler
Ronny Elisabeth Kling
Sheila Nedime Ince
Dionne Jane-Lynn Steinbrunn
The Tribe Christopher Basilie
Johanna Berger
Markus Schneider
Giulia Fabris
Gerrit Hericks
Fabian Klatt
Peter Knauder
Nicole Otto
Martina Petkov
Amani Robinson
Richard Wiedl
Marion Wulf
Es spielt das Staatsorchester Darmstadt, verstärkt durch einige Gäste