JESUS CHRIST SUPERSTAR – München 2017

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Produktion Gärtnerplatztheater München, Premiere 18. Mai 2017 in der Reithalle

Nach dem aufsehenerregenden Erfolg der konzertanten Gärtnerplatztheater-Produktion von JCS im Münchner Circus Krone mit – zum Bedauern der begeisterten Zuschauer – nur drei Vorstellungen im Juli 2014 (siehe ausführliche Rezension hier auf Musical Reviews) stemmt Josef E. Köpplinger nun das Lloyd Webber’sche Frühwerk als vollszenische Aufführung mit mehr als 80 Beteiligten auf der großen Bühne der Münchner Reithalle. Und verfolgt konsequent den Ansatz aus 2014 einer sehr heutigen Inszenierung weiter: Nichts da von wegen Wallehaar, Sandalen, biblischen Gewändern und salbungsvollen Gesten – diese Show spielt im Hier und Jetzt.

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Köpplingers Inszenierung setzt auf Tempo, Timing und harte Schnitte, er tackert die Rockoper nicht als biblisches Singspiel fest sondern vielmehr als vielschichtig angelegte Sinnsuche gerade in Zeiten politisch zerbröckelnder Moral und zerfasernden Werten mit den Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wonach suchen wir? Ergo bevölkert die Bühne taffes Jungvolk in Streetwear, mit Smartphones hantierend und die Social Networks bedienend. Plakate mit „Vote for Jesus“ springen ins Auge, beim Abendmahl delektieren sich die Jünger an Junkfood und Energydrinks aus Dosen, der Wein wird nicht im Kelch sondern aus der Buddel von Hand zu Hand weitergereicht.

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Zwar kommt man nicht umhin, die Geißelung 39 Lashes zu zeigen mit blutig zerfetztem Rücken des gepeinigten Jesus, jedoch wird die Kreuzigungsszene nur angedeutet. Anstelle eines Kreuzes ist es eine Leiter, die Jesus erklimmt und dort oben sein Leben aushaucht.

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Effektvolle Videoeinspielungen (Meike Ebert, Raphael Kurig) sorgen für hohen Schauwert und unterstützen die moderne Herangehensweise an das Stück. Regina Ricarda Ludigkeit hat als Choreographin sowohl die Tänzer als auch die großen Massen exakt im Griff, Michael Heidinger setzt mit seinem Lichtdesign auf viel Blau, Grün und Kaltweiß und setzt damit exakte Fokussierungen.

Die große Bühne im ehemaligen, nun denkmalgeschützten Industriebau der Reithalle wird von Rainer Sinell spartanisch in weiß präsentiert. Es gibt lediglich eine quer verlaufende Stahlgalerie, erreichbar durch seitliche Treppenaufgänge. Zusätzlich zur Haupttribüne in der Reithalle sorgt Sinell mit zusätzlich jeweils zwei Stuhlreihen an den Seitenrändern dafür, dass das Publikum nah am Geschehen ist. Im Bühnenhintergrund agiert das von Jeff Frohner geleitete Orchester, verstärkt durch eine Band mit reichlich E-Gitarren-Wumms. Es mag wohl der Akustik in der Reithalle geschuldet sein, dass die packende Partitur nicht optimal ausgesteuert beim Publikum ankommt, oftmals übertünchen Orchester/Band die Solostimmen.

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Die grandiose Partitur, mit das Beste, was Lloyd Webber je geschrieben hat (und das im zarten Alter von nur 22 Jahren!), wird von Orchester, Band, Solisten, Ensemble und Chor mit einer Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann, formidabel umgesetzt. Lloyd Webber gibt mit durch hohen Wiedererkennungswert zugeordneten Musikstilen den jeweiligen Charakteren Format: Judas darf so richtig abrocken, Jesus bekommt die soften Balladen, die Songs von Maria Magdalena gehen in Richtung Folkpop, der Auftritt von Herodes wird als hoch-exaltierter Show-Break mit Dragqueens und Glitzergirls zu einem ausschweifenden Soul-Happening, die großen Ensemble- und Chornummern sind durch treibende Beats mit intensiver Wucht gekennzeichnet. Ein eiskalter Schauer läuft einem den Rücken hinab, wenn sich in einer Reprise das anfangs überbordende Hosannah Superstar im Verlauf des zweiten Aktes zu einem von der Meute skandierten Crucify him wandelt.

Beim Kostümdesign überwiegt der Streetwear-Charakter in gedeckten Farben, mit viel Schwarz und Grau. Lediglich Jesus sticht optisch sofort identifizierbar mit einem leuchtend royalblauen Hoodie-Mäntelchen samt Beanie aus der Masse heraus – schon im biblischen Kontext symbolisiert diese Farbe den Sohn Gottes. Die Priesterschaft wird in schwarze Anzüge gesteckt und hebt sich dadurch streng gewandet vom Volk ab. Maria Magdalena, einzige Frauenrolle in dem von männlichen Charakteren dominierten Stück, kommt als Punkerbraut gedressed daher. Die Jünger zeigen viel Haut und Tattoos in Muscle-Shirts, Jeans und Boots.

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Die Darstellerleistungen sind allesamt als exzellent einzustufen:

Mitten im wirbelnden Gewusel seiner aufgekratzten Anhängerschaft sticht Armin Kahl als softer Jesus hervor. So richtig kapiert er ja diesen ganzen Hype, der da um ihn veranstaltet wird, nicht – er schwankt im ersten Akt ständig zwischen dem Sich-Sonnen im Mainstream-Mittelpunkt und einem leicht verstörten Unverständnis der gegenwärtigen Situation gegenüber. Das Netz um ihn zieht sich schon zu, als er ganz offensichtlich überfordert der Menge der von ihm Heilung einfordernden Leidenden nicht mehr gerecht werden kann. Die siebenminütige Verzweiflungsarie Gethsemane, mit das Anspruchsvollste, was einem männlichen Musicaldarsteller gesanglich und darstellerisch abverlangt werden kann, markiert den Wendepunkt dieses Charakters: Im Verlauf der Arie schließt er seinen Frieden mit dem Unausweichlichen, schwebt fortan mit mild-entrücktem Gesichtsausdruck über den Dingen, ergibt sich devot in sein Schicksal und fordert von Judas den Verrat geradezu ein.

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Armin Kahl tut gut daran, seine eigene Linie zum Anlegen des Charakters und vor allem zur stimmlichen Umsetzung zu entwickeln, haben doch diese Rolle bereits große Namen im Musicalbusiness verkörpert. Sein Jesus überzeugt darstellerisch vollends und die gesanglichen Parts meistert er großartig mit beeindruckender Sicherheit und Intensität.

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Der eigentliche Leading Man in diesem Stück ist Judas Ischariot, aus dessen Perspektive die letzten sieben Tage im Leben des Jesus von Nazareth erzählt werden. Dementsprechend hat Judas die besten Songs abbekommen: Mit u.a. Heaven on their Minds und Damned for all Times rockt David Jakobs die Reithalle, die Songs sind neben der Instrumentierung auch aufgrund der intelligenten Lyrics von Tim Rice von hoher Qualität. Und, wie David Jakobs in der Video-Stückeinführung des Theaters preisgibt, für jeden Sänger „Spaß pur“. Der charismatische Darsteller hat in den letzten drei Jahren die Rolle des Judas bereits bei diversen Produktionen im Bundesgebiet verkörpert und man merkt seiner Interpretation die intensive Nähe zu seinem Bühnencharakter an. Anfangs irrlichtert sein Judas mit tief in die Stirn gezogener Kapuze durch die Szenerie, versucht inbrünstig, Jesus davon zu überzeugen, dass der Hype um ihn in die falsche Richtung geht. Ernüchtert konstatiert Judas, dass ihm Jesus, zu dem er einst innigen Zugang hatte, immer mehr entgleitet, resigniert zieht er die Reißleine und wendet sich an die Priesterschaft. Mit die intensivste Szene, die sich auf der geistigen Festplatte des Zuschauers einbrennt, ist die mit Schwarzlicht effektvoll inszenierte Sequenz, die zum Selbstmord von Judas führt: unrettbar verfangen in roten Fallstricken sieht Judas im Erhängen den einzigen Ausweg.

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Bettina Mönch schafft es mit Bravour, der oftmals lediglich als langweilig schmückendes weibliches Beiwerk daherkommenden Maria Magdalena in einem männerdominierten Stück außerordentliches Format zu verleihen. Schnörkellos, emanzipiert, aber gerade deshalb direkt im Herzen des Publikums andockend, legt sie ihren Rollencharakter an. Fast schon müßig zu erwähnen ist, dass sie selbstverständlich stimmlich in großartiger Weise ihre Lieder mit der genau richtigen Dosierung an emotionaler Intensität jedoch ohne die geringste Gefahr, ins Kitschige abzudriften, performt. Es ist diese unglaubliche Vielseitigkeit, welche die Künstlerin für jede Musical Cast, egal ob Komödie, Tragödie oder wie hier Rockoper, so wertvoll macht.

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Unbedingte Erwähnung muss noch Erwin Windegger als Pontius Pilatus zugestanden werden. Mit welch unfassbarer Range er seinen Stimmumfang einzusetzen in der Lage ist, wissen treue Gärtnerplatzbesucher aus mittlerweile vielen Produktionen. Wenn er in Pilate‘s Dream stimmgewaltig in die Höhe geht, hält man schwerst beeindruckt den Atem an und es stellen sich einem sämtliche Nackenhaare auf.

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Ebenfalls mit großem Applaus bedacht werden aus der Priestertruppe der Bass Levente Páll als Kaiphas und Juan Carlos Falcón als Annas

Konzentriert folgt das Premierenpublikum der sehens- und hörenswerten Inszenierung, beim Verhallen des letzten Tons hätte man die berühmte Stecknadel fallen hören – bis kollektiver Jubel sich Bahn bricht und zu Recht die Leistungen aller Beteiligten feiert.

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Daher Fazit: Unbedingt hingehen und sich auf diese Inszenierung einlassen. Es lohnt sich!

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Hier geht es zur Stückeinführung des Theaters:
https://youtu.be/AKjP9sQxj44

Die Show läuft noch in der Reithalle bis 3. Juni 2017.
Ab 19. Juli 2018 wird die Show wiederaufgenommen, diesmal dann im Repertoirebetrieb des fertig sanierten Stammhauses am Gärtnerplatz. Weitere Infos und Tickets gibt es hier unter diesem Link:
https://www.gaertnerplatztheater.de/produktionen/jesus-christ-superstar-2.html/m=1&ID_Spielzeit=11

Alles Fotos unterliegen dem Copyright von Musical Reviews.

Silvia E. Loske, Mai 2017

Rockoper von Andrew Lloyd Webber (Musik) und Tim Rice (Gesangstexte). Uraufführung 1971 im Mark Hellinger Theatre, New York.

Kreative
Musikalische Leitung Jeff Frohner
Regie Josef E. Köpplinger
Choreographie Ricarda Regina Ludigkeit
Bühne Rainer Sinell
Kostüme Anja Lichtenegger
Licht Michael Heidinger, Josef E. Köpplinger
Video Meike Ebert, Raphael Kurig
Choreinstudierung Felix Meybier
Dramaturgie Daniel C. Schindler
Darsteller
Jesus von Nazareth Armin Kahl
Judas Ischariot David Jakobs
Maria Magdalena Bettina Mönch
Pontius Pilatus Erwin Windegger
Herodes Previn Moore
Kaiphas Levente Páll
Annas Juan Carlos Falcón
Simon Zelotes Maximilian Mayer
Petrus Benjamin Oeser
Ensemble: Jens Olsen, Nicola Gravante, Lars Schmidt, Christian Schleinzer, Michael B. Sattler, Alexander Moitzi, Claus Opitz, Peter Neustifter, Carl van Wegberg, Dirk Lüdemann, Martin Hausberg, Frank Berg, Dionne Wudu, Joana Henrique, Susanne Seimel, Katharina Lochmann, Evita Komp, Leoni Kristin Oeffinger, Valerie Luksch, Lisandra Bardél, Lisa Rothhardt, Maximilian Berling, Alexander Bambach, Johannes Bauer, Martin Emmerling, Benedikt Hartl, Vedran Lovric, Florian Pürner, Christian Weindl. 

Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz

 

Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz, verstärkt durch Band